Ein Sohn ist uns gegeben – Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall

Donna Leon - Ein Sohn ist uns gegeben
Donna Leon - Ein Sohn ist uns gegeben

Um es einmal vorweg zu sagen: in den Brunetti- Verfilmungen, ja, da sieht man schon, dass der charmante Commissario ein wenig altert, die Zeit vergeht eben, die Kinder werden größer, die Probleme andere. In Buchform aber, da altert der Kult- Ermittler aus Venedig keinesfalls. Irgendwie ist es eine zeitlose Kulisse, es sind die gewohnt liebenswerten Charaktere, angefangen bei Signorina Elettra, Vize- Questore Patta, die Beamten in der Questura. Nicht zu vergessen natürlich Brunettis Kinder und seine Frau Paola. Eben deren Vater, der Conte Falier, einer der einflussreichsten und vermögendsten Persönlichkeiten Venedigs, kontaktiert seinen Schwiegersohn mit einem delikaten Anliegen: „…ich bitte dich um deine Unterstützung.“


Gonzalo Rodríguez de Tejeda ist nicht nur ein guter Jugendfreund von Brunettis Schwiegervaters, sondern auch Paolas Patenonkel, gehört demnach also irgendwie mit zur Familie. Der alternde, schwule Freund, ein Lebemann, der mit Kunst viel, viel Geld gemacht hat, seinen Lebensabend nun in Venedig verbringt, möchte einen Sohn. Und einen Kandidaten scheint es auch schon zu geben: jung, sehr jung, „mindestens vierzig Jahre“ jünger, zu jung? Er habe die beiden, so erzählt der Conte, einmal auf der Straße gesehen. „Die beiden benahmen sich auf eine Weise, die … nun ja, die mir am helllichten Tag, um zwei Uhr nachmittags …unangemessen erschien.“ Die Adoption jenes jungen Mannes würde zwangsläufig bedeuten, dass Gonzalos Vermögen einmal nach dessen Tod an den jungen Mann übergeht und nicht an Gonzalos Familie. Aber wie beschützt man den Freund vor einer möglichen Dummheit? „Mich dürstet so sehr danach, jemanden lieben zu können…. Und ich habe ihn gefunden.“ Darf man sich in einem solchen Fall einmischen?

Ein neuer, ganz ungewohnter Fall für den Commissario, vielleicht auch für den Leser, denn so bewegend und emotional die grundlegenden Fragen auch sind, zu einem Krimi entwickelt sich das Geschehen erst recht spät, und bis dahin plätschert Venedigs Charme samt all der Dinge, die Donna Leon kritisch und als feine Spitzen zwischen die Zeilen zu legen pflegt, so vor sich hin. Das betrifft Venedigs Klatsch ebenso wie die Umweltverschmutzung durch Plastik und Chemiemüll, die Riesenschiffe in der morbiden Stadt und die Venezianer mit ihren Eigenarten selbst. Es entwickelt sich eine Geschichte, die weit ausholt, tief in Gonzalos Vergangenheit reicht, weit über die Grenzen Venedigs. Das alles ist durchaus lesenswert, sind doch auch das bekannte Terrain und die gewohnten Mitspieler angenehm einladend und vermitteln schnell das Gefühl, auf 320 Seiten ohnehin von Beginn an Zuhause zu sein. Da darf dann auch schon mal dieser achtundzwanzigste Fall des Commissarios mehr zum grundsätzlichen Nachdenken dienen, denn zu nervenaufreibender Spannung.

Aber, wenn auch spät: einen Mord gibt es auch.

 

Donna Leon
Ein Sohn ist uns gegeben
Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall
Roman
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3257070606
Preis: 24,00 Euro
320 Seiten

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Über Barbara Wegmann 92 Artikel
Viele Jahre Redakteurin und Moderatorin beim Hörfunk, mittlerweile freie Journalistin und Sprecherin für Blinde und Sehbehinderte, Großer Fan von schönen Kinderbüchern, Bildbänden und fesselnden Krimis. Und das Schönste: die Neugier auf neue Bücher wird man einfach nicht mehr los.......

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