Das Zimmermädchen – Markus Orths

Markus Orths - Das Zimmermädchen - Wagenbach Verlag
Markus Orths - Das Zimmermädchen - Wagenbach Verlag

Eine junge Frau beginnt nach ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie, wieder im Hotel zu arbeiten. Einen ungewöhnlichen, höchst eigenwilligen ‚Schaden’ hat Lynn: einen deutlich ausgeprägten Putzfimmel, und der verfolgt sie rund um die Uhr, jeden Tag, jede Minute. Eine Obsession, die ihr Leben bestimmt, und ihr Leben ist ein isoliertes, zurückgezogenes, nur von ihrer Arbeit bestimmtes. Das Schöne am Putzen, so sagt sie, sei, dass es immer wieder dreckig werde.

Sie „…putzt auch Zimmer, die leer stehen, denn auch leer stehende Zimmer verstauben, denkt Lynn…Und schon bald verschwindet Lynn hinter den Dingen des Hotels, fällt nicht mehr auf, es ist, als gehöre sie unsichtbar dazu, ein Inventar, das sich ab und zu kaum wahrnehmbar bewegt… ein Heinzelmännchen, das im Vorbeigehen arbeitet.“

Zu ihrem Putzfimmel gesellt sich – und hier schraubt sich die literarische Fantasie in bezaubernde Höhen- eine weitere fesselnde Schwäche: Lynn legt sich nachts unter das Bett des Hotelgastes. Was aus der Not, nicht erwischt zu werden beginnt, entwickelt sich zur Gewohnheit: „Ich werde es jeden Dienstag tun“, beschließt sie. Anfangs nur, es werden immer mehr Tage werden. „…das ist der Reiz: die Gefahr, erwischt zu werden.“

Nachts ist sie ganz bei sich, hört Gespräche und Geräusche, Intimes und Irritierendes, malt im Kopf die Bilder dazu, fantasiert, konstruiert, spekuliert, spielt mit Möglichkeiten, fühlt sich frei. „Nächte sind neutral. Sie stellen keine Bedrohung dar“.

Akribisch saugt sie persönliche Dinge der Gäste auf, Informationen, Kleidung, ihre Lektüre, Gerüche, Farben, Eigenheiten. Sie nimmt Anteil, wird Teil Anderer. Ein Leben in ganz besonderer Einsamkeit. Unglaublich sensibel und zart, fast seziererisch ins Detail gehend, schildert Orth die Figur der Lynn, liebevoll, mit einem Schuss Komik und manchmal etwas abgedreht,

„Die Flasche Sprudel, der Bleistift, die Lampe, alles sehen wir nur halb, nur von vorne, von schräg vorn, von oben, aber nie komplett, die ganz. Die wahren, die vollkommenen Dinge liegen immer im Dunklen. Wir sind begrenzte Wesen.“

Eines Tages begegnet Lynn Chiara, einer Domina, die einen Hotelgast besucht. Lynn, zunächst unter dem Bett liegend, ist von dieser Frau begeistert und fasziniert, wagt gar, einen persönliche Kontakt herzustellen und verkauft dafür ihre wertvollsten Privatdinge. Die Begegnung mit Chiara scheint ihr Leben auf ein für sie als gut empfundenes Gleis zu bringen, so etwas wie Glück entwickelt sich. „Ich bin nicht mehr ich selbst, mit mir fängt es neu an jetzt. Es kann sich nur noch um Minuten handeln“.

Mit viel, viel Vergnügen liest man die 107 Seiten der kleinen Taschenbuch- Ausgabe aus dem Wagenbach- Verlag. Schon 2008 erschien der Roman mit großem Echo und 2015 kam er in die Kinos. Wer viel Fantasie hat, der wird den wunderbaren Film zur Bebilderung einer ungewöhnlichen Geschichte nicht brauchen, allerdings: er ist ebenso sehenswert wie das Buch lesenswert ist. Wie heißt es im Klappentext so hübsch: „Nach der Lektüre wird man nie wieder in einem Hotel übernachten, ohne vorher unters Bett zu schauen.“

 

Markus Orths
Das Zimmermädchen
Wagenbach Verlag
ISBN: 9783803127983
107 Seiten, 10 Euro

Direkt bei Ihrem Buchhändler bestellen:



Hier direkt kaufen

oder bei amazon

Anzeige



Über Barbara Wegmann 72 Artikel
Viele Jahre Redakteurin und Moderatorin beim Hörfunk, mittlerweile freie Journalistin und Sprecherin für Blinde und Sehbehinderte, Großer Fan von schönen Kinderbüchern, Bildbänden und fesselnden Krimis. Und das Schönste: die Neugier auf neue Bücher wird man einfach nicht mehr los.......

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*