Ein Kleid aus Tinte und Papier – Claire Gondor – Rezension

Claire Gondor - Ein Kleid aus Tinte und Papier
Claire Gondor - Ein Kleid aus Tinte und Papier

Die Szene mutet skurril und absurd an: eine junge Frau näht mit großer Sorgfalt und Hingabe die Briefe ihres Geliebten zu ihrem Hochzeitskleid zusammen, Seite für Seite erzählen dabei von Momenten und Geschehnissen aus der gemeinsamen Zeit. Eine bitter- süße, wunderschöne Liebesgeschichte, der erste Roman der jungen französischen Autorin Claire Gondor.

Leȉla wartet seit Monaten auf Dan, der im Ausland ist. „Ein besessenes Warten begleitete diese Wochen.“ 56 Briefe hat er ihr geschrieben, er ist ihre große Liebe, heiraten wollen sie. „Wenn sie seine Briefe zusammennähte, die sie schon ein wenig auswendig kannte, schaffte sie manchmal nicht mehr als zwei und ließ schließlich alles liegen. Faden, Nadel, Schere, Papier. Sie legte sich schlafen und ließ die finsteren Gedanken ruhen, die in ihrem Kopf gegeneinander ankämpften.“ Jedes Wort von Dan wird während ihres Wartens zu einem wertvollen Schatz. „Die Sätze waren lebendig, die Arme der Sätze wurden zu Lianen und verfingen sich, die Kommas waren angeheiterte Vögel und die Akzente welke, vom Wind gekrümmte Blätter.“ In feinsten Nuancen beschreibt sie ihren Geliebten, sinniert über ihre Zukunft, schweift ab in lange zurückliegende Momente. Die junge Frau zieht sich zurück in ihre Wohnung, wo sie sich ihrem außergewöhnlichen Projekt widmet, in ihr „Nest“, geborgen, allein mit sich und ihren Erinnerungen und Gedanken. „Er hätte nie so weit weggehen sollen.“ Trauer und Liebe, Warten und Sehnsucht liegen hier sinnlich und reich an Bildern beschrieben dicht nebeneinander. Abgekapselt lebt sie mit ihrer Trauer und dem Warten. „Seit Wochen hatte niemand mehr bei ihr geklingelt.“

„Mein Liebling,“ schreibt Dan in einem Brief, „ich will nicht darüber reden, was hier passiert. Noch ein Monat und ich bin nur noch für dich da.“ Man ahnt, dass Dan zu einem militärischen Einsatz in Afrika ist, irgendwo, in Karthum, in „siebentausend Kilometern Entfernung“. Viel weiß Leȉla, die aus einer Familie mit afghanischen Wurzeln stammt, nicht von Dan. „Drückende Hitze, Beengtheit und große Einsamkeit“ bestimmen seinen Tag dort, soweit weg. Jeden seiner 56 Briefe hat sie aufgehoben, kennt sie auswendig, all die Zeilen und Worte, nun näht sie alle Briefe zu ihrem Hochzeitskleid zusammen, an einer Schneiderpuppe wächst das seltsame Gewand, Nacht für Nacht. „Nach und nach leerte sich der Schuhkarton mit Dans Briefen.“ Zusammen mit den Briefen reihen sich Erinnerungen an Erinnerungen, an ihr erstes Kennenlernen, an einen Jahrmarktbesuch, an ihre letzte Liebesnacht, sinnlich, schmerzhaft, wehmütig. Irgendwann hatte Leȉla gewusst, dass sie den Kummer vernähen“ musste. An dem Tag, als sie einen letzten Brief erhielt…..

Ein kurzer, sehr sinnlicher Roman, dessen einzelne Textabschnitte sich letztlich ebenso zu einem Bild zusammensetzen, wie das Kleid aus all den Briefen. In einer Gegenwart, die stehen geblieben und eingefroren ist und in eine Vergangenheit eintauchend, die in vielen Bildern lebendig wird und Leȉla zu einer jungen Frau macht, die dem Leser vertrauensvoll ihr Herz ausschüttet.

 

Claire Gondor
Ein Kleid aus Tinte und Papier
Aus dem Französischen von Theresa Benkert
Roman
Wagenbach Verlag
Preis: 16 Euro, 112 Seiten
ISBN: 978-3803113306



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Über Barbara Wegmann 74 Artikel
Viele Jahre Redakteurin und Moderatorin beim Hörfunk, mittlerweile freie Journalistin und Sprecherin für Blinde und Sehbehinderte, Großer Fan von schönen Kinderbüchern, Bildbänden und fesselnden Krimis. Und das Schönste: die Neugier auf neue Bücher wird man einfach nicht mehr los.......

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