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Tiere vor der Kamera – Brad Wilson

Die Studiofotografie hat inzwischen einen technischen Stand erreicht, von dem aus es schwer ist, noch irgendetwas Neues zu bieten. Der einzige Weg, das trotzdem zu schaffen, ist es, sich etwas völlig Verrücktes einfallen zu lassen.

Das allerdings kann man Brad Wilson wahrlich nicht absprechen! Wildtiere in einem amerikanischen Fotostudio? Wer soll denn das bitteschön glauben? Ein schwarzer Hintergrund, keine weitere Dekoration, keine weiteren Dinge die ablenken könnten, nur das Tier vor schwarzem Hintergrund. Das mag, ohne dass man es gesehen hat, nicht sonderlich attraktiv oder ausgefallen klingen, entpuppt sich aber schon bei einmaligem, kurzen Hinsehen und Betrachten als außergewöhnliches Projekt.

Schnell signalisiert das Auge: eigentlich fehlt da etwas, Käfige und Zooatmosphäre zum Beispiel, denn dort hat jeder schon exotische Tiere gesehen. Das Auge vermisst die Umgebung der Tiere, weil es den Blick so gewohnt ist. Oder Dschungel, Savanne, Steppe oder Wälder, wo Uhus und Eulen, Kraniche und Greifvögel, Affen und Giraffen, Elefanten, Zebras, Geparden oder Tiger in ihrem natürlichen Umfeld leben. Aber: wilde Tiere als Modells in einem Fotostudio?

Um es gleich zu sagen: die Bilder, Porträts, Profilaufnahmen, Fotografien von Fell und Körperbau, Detailaufnahmen, absolut großartig und atemberaubend schön! Und auch das gleich: nein, natürlich sind das keine „wilden“ Tiere in dem Sinne, und nein, es wurden auch keine Tiere für diese Aufnahmen gefangen oder entgegen Tierschutzrichtlinien behandelt. „Ab und zu werden Jungtiere gerettet und aufgezogen, die ihre Eltern verloren haben. Auch später als erwachsene Tiere bleiben sie zahm.“ Und wurden, unterstützt von erfahrenen Tiertrainern, Wilsons kostbare Motive.

Respekt vor Schöpfung und Schönheit, das Gefühl stellt sich recht schnell ein, angesichts jeder einzelnen Wimper bei den porträtierten Affen, dem fast spürbar samtigen Fell eines Kängurus oder jeder winzigsten Feder von Greifvögeln. Eine zweidimensional abgebildete Lebendigkeit, eingefangen in einem seltenen Moment, und durch Beleuchtung und Belichtung, durch Blickwinkel und die Intuition eines begnadeten Foto- Künstlers entsteht ein räumliches Bild, ein lebendiges Wesen, eine ganz besondere Kreatur.

„Klare Anweisungen“, „geduldiges Warten“ und Beobachten, das waren neben der Foto- und Studioausrüstung die wichtigsten Arbeitsutensilien. Es sei eine meditative Situation innerhalb eines geordneten Chaos entstanden, schreibt Wilson. Er habe dabei eine Welt entdeckt, „die wir Menschen so gut wie ganz hinter uns gelassen haben: eine Welt der Instinkte, der Intuition…eine völlig natürliche Welt, weit entfernt von den zunehmend verstädterten und digitalisierten Lebensräumen, die wir mittlerweile gewohnt sind.“

Und so weiß man zum Schluss des Bildbandes, den man gerne erneut und wieder durchblättert, nicht mehr so genau, was man höher schätzen soll: die große künstlerische Leistung, samt Idee und Umsetzung eines weltweit renommierten Fotografs oder die extreme Schönheit und Vielfalt seiner vor und mit der Kamera eingefangenen Individuen.

Tiere vor der Kamera
Brad Wilson
Verlag Prestel
ISBN: 9783791348971
Preis: 39,95 Euro

 

 

 

Fotos (c) Brad Wilson / Prestel Verlag

Über Barbara Wegmann

Einst... geboren, gewachsen, gelernt, dann endlich... Redakteurin, Moderatorin heute Journalistin, Sprecherin, Rezensentin seit Jahrzehnten Vielleserin, Gernleserin, am liebsten Bildbände, Kriminalromane, Bücher mit dem "gewissen Etwas" (Thema, Autor, Aufhänger) nicht zu vergessen Familie, Tochter, Mann, spanische Küche, Freunde bekochen, Musik, Leidenschaft für alte Bücher, Antikmärkte, lebenslanges Lernen das Wichtigste im Leben: das Wort

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