Interview mit Steffen Meier – digital publishing report

Steffen Meier - digital publishing report - Foto (c) Vedat Demirdöven
Steffen Meier - digital publishing report - Foto (c) Vedat Demirdöven

Die Buchwelt ist im Umbruch. Seit langem. Grund genug, Steffen Meier zu interviewen, der sich seit Jahren in diesem Bereich digital bewegt. Nach unterschiedlichen Stationen ist er seit einiger Zeit Herausgeber des digital publishing report.

Wie kamst du auf die Idee, den digital publishing report ins Leben zu rufen?

Retrospektiv könnte ich jetzt behaupten, hier eine publizistische Marktlücke entdeckt und ausgenutzt zu haben. Tatsächlich kamen hier ursprünglich zwei Faktoren zusammen: zum einen mein eigenes Informationssammeln über Feedreader und Tools wie Evernote.

Es gab einfach nichts, keine Quelle, kein Magazin oder was auch immer, das die Themen, mit denen ich mich beschäftige und die ich heute unter dem Begriff „Digitale Transformation der Medienbranche“ subsummiere, komplett abgedeckte. Zum anderen habe ich festgestellt, dass es vielen Kolleginnen und Kollegen in der Medienbranche genauso ging, niemand hatte Lust und Zeit (und teilweise auch KnowHow), die wirklich relevanten Themen und Inhalte zu filtern. Im Kern bin ich also hergegangen und habe meine einsiedlerische Kuratierung in Form eines Magazins, dem digital publishing report, angeboten. Die Form des PDF-Magazins, für die ich von jüngeren Kollegen etwas Schelte bekam, war übrigens ganz bewusst gewählt – ich kenne ja meine Zielgruppe, die gerne Inhalte auf Papier konsumiert. Auf jeder Branchenveranstaltung treffe ich auf Kollegen, die den dpr ausgedruckt dabei haben. Aber das ist auch völlig in Ordnung, dafür war es konzipiert.

Was mich aber wirklich überrascht hat war die sehr positive Resonanz. Inzwischen bekommen 3.300 Abonnenten eine Benachrichtigung, sobald der neue dpr erscheint. Und da die Ausgaben alle kostenlos und bis dato dauernd verfügbar online stehen kommen wir pro Ausgabe auf 30.000 Downloads durchschnittlich. Da hat mein kleines, schlankes Experiment wohl einen Nerv und eine Marktlücke getroffen. Was uns natürlich sehr freut und weswegen wir personell zugelegt haben und auch neue Formate wie Webinare und monothematische E-Books am Start haben.

 

Worum geht es im digital publishing report?

Wie schon gesagt: gestartet ist das Magazin als Kuratierungsdienst. Inhaltlich passende Beiträge wurden ausgesucht, Autoren angeschrieben, manches auch aus dem anglomaerikanischen Raum ins Deutsche übersetzt. Inzwischen ist aber der Großteil der Inhalte gezielt akquiriert und wir bekommen auch sehr viel von Kollegen angeboten. Was mich persönlich freut, damit entwickelt sich das Herausgeberkonzept zu einem Communitykonzept.

Als thematische Klammer hatte ich ja schon unseren Claim „Digitale Transformation der Medienbranche“ angesprochen. Leider ist der Begriff „digitale Transformation“ etwas negativ konnotiert als Berater-Buzzword. Am Ende trifft es das aber gut, denn im Medienbereich verändern sich nicht nur Inhalte und Medien, sondern schlicht alles – von der Arbeitssituation jedes Einzelnen bis hin zum Vertriebskanal. Deswegen ist es unser Anspruch, diese Veränderung publizistisch zu kommentieren und die Hintergründe, Chancen und Risiken aufzuzeigen. Es wäre etwas angeberisch, von „publizistischem Rüstzeug“ zu sprechen, aber eigentlich trifft es das ganz gut.

Digital und Papier – sticht das eine das andere aus? + Seit Jahrzehnten hört man – Papier ist tot? Wirklich?

Nein – es riecht nur komisch. Ernsthaft: Ich sehe das nicht als Gegensatz. Ob das eine Trägermedium in der einen oder anderen Nutzungssituation dem anderen gegenüber Vorteile hat will ich gar nicht bewerten und muss vor allem wissenschaftlich noch genauer untersucht werden. Dies sieht man ja an den Diskussionen darüber, mit welchem Träger Schüler und Studenten besser lernen können. Klare Aussagen fehlen mir hier noch. Gleichzeitig amüsiere ich mich über die von mir freundlich als „Haptiker“ bezeichneten Papierfreunde, die sich nicht vorstellen können, dass Inhalte auch elektronisch funktionieren können und immer schnell mit der „Kulturgut Buch“-Keule herumwedeln. Zum einen sträuben sich mir als Historiker die Haare – die heute so idealisierte Buchform ist eigentlich ein relativ neues Phänomen im Gegensatz zu Papyrus-Schriftrollen. Um jetzt aber endgültig ernsthaft zu werden: Der Leser entscheidet am Ende über das Medium, niemand anderes. Kein Buchhändler, kein Verleger – der Leser.

Kommst du zum Lesen? Wenn ja, ausschließlich digital und welche Lieblingsautoren gibt es?

Eigentlich lese ich ja den ganzen Tag: E-Mails, Slack-Nachrichten, Facebook-Posts, Online-Artikel… Ich denke, hier geht es eher um die klassische Kodex-Form. Ja, das mache ich tatsächlich noch, aus Zeitgründen natürlich vorwiegend Fachliteratur. Wenn dann mental irgendwann das arme Gehirn überläuft im Sinne eines „stack overflow“ leiste ich mir zum Ausgleich etwas Eskapismus und greife gern auf Science Fiction oder Fantasy zurück. Die heroischen Autoren meiner Jugend sind natürlich bis heute unübertroffen, es gibt aber auch überzeugende „moderne“ Literatur wie die Urban Fantasy eines Ben Aaronovitch oder die Commonwealth-Bücher von Peter F. Hamilton oder den schurkischen Neal Asher. Daneben natürlich jede Menge historische Literatur, Barbara Tuchmans „A Distant Mirror. The Calamitous 14th Century“ hat mich als jungen Mann sehr geprägt und mein Interesse an der Frage, wo wir eigentlich herkommen, entscheidend gefördert.

Und damit kommen wir auch zum Dilemma – ich lese inzwischen fast ausschließlich digital. Da ist es mitunter gar nicht so einfach an ältere Werke zu kommen, selbst im englischen oder amerikanischen Original. Ich hatte tatsächlich auch schon einige Verlage angeschrieben ob es nicht möglich wäre, diese Werke zu digitalisieren. Eine Antwort habe ich nie bekommen.

Wohin geht die Reise (das Lesen, das Veröffentlichen)?

Im Moment kommen von E-Book bis SnapChat neue Kanäle des Informationstransfers und der Kommunikation dazu, die von der Generation „Papierbuch“ in der von ihr gewohnten Art und Weise bespielt wird. Spannend wird es, wenn Inhalte sich den Kanälen am Ende anpassen und deren Möglichkeiten nutzen. Ein Papierbuch ist irgendwann abgeschlossen, ein digitales muss es nicht sein, das geht von kollaborativem bis fluidem Schreiben, das keine Endversion oder viele alternative Erzählstränge erlaubt. Persönlich fände ich es schön wenn man diese Möglichkeiten als Chance und nicht immer wieder als Untergang des westlichen Abendlandes begreifen würde.

 

Lieber Steffen, hab vielen Dank für das Interview.

 

Foto (c)  Vedat Demirdöven

Ist Print tot? Interview mit Steffen Meier / digital publishing report
Ist Print tot? Interview mit Steffen Meier / digital publishing report

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Über sven 89 Artikel
Sven gründete 1998 literature.de - liebt Espresso in rauen Mengen, skandinavische Krimis. Ohne Bücher geht es nicht. Ich bringe Autoren und Verlage ins Netz und helfe bei Fragen rundum WordPress.

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